Silbertablett
Zwei alte, patinierte Tabletts auf schwarzen Rüschenpolstern — Gebrauchsgegenstand, Spiegel und Projektionsgrund zugleich.
Von meinem Fenster aus · Gruppenausstellung · FINE ART Galerie Traismauer · 2026
Das Bild, das uns die Wahrheit versprach.
Ausgangspunkt der Installation ist Joseph Nicéphore Niépces Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras aus dem Jahr 1826 – die älteste erhaltene Fotografie und eines der frühesten Versprechen, Wirklichkeit technisch festhalten zu können.
Zweihundert Jahre später trifft dieses erste fotografische Fensterbild auf zwei alte, patinierte Silbertabletts. Ihre fleckigen, zerkratzten und partiell erblindeten Oberflächen werden zugleich zu Spiegeln, Projektionsflächen und materiellen Gedächtnisspuren des Bildes.
Auf schwarzen Rüschenpolstern ruhend, empfangen die beiden Tabletts mittels generativer KI transformierte und neu interpretierte Bildsequenzen des historischen Niépce-Motivs. Das Bild erscheint, verschwimmt und zerfällt an Kratzern, Flecken und Unebenheiten. Gleichzeitig reflektieren die Metallflächen den Ausstellungsraum und die anwesenden Betrachter:innen.
Der Schmutz wird nicht als Störung beseitigt, sondern als aktiver Bestandteil der Bildentstehung sichtbar.Markus Wintersberger · 2026
Zwei rahmenlose, einander zugewandte Digitaldrucke bilden ein analoges Spiegelpaar. Zwischen ihnen und den projizierten Metallflächen öffnet sich ein instabiler Bildraum zwischen Dokument, Erinnerung, materieller Spur und algorithmischer Imagination.
Der schmutzige Blick fragt nicht, ob Fotografie Wahrheit zeigt. Die Installation untersucht vielmehr, was von diesem Versprechen bestehen bleibt, wenn Bilder altern, beschädigt werden, sich spiegeln, von Maschinen neu erfunden werden – und die Betrachtenden selbst in das Bild zurückblicken.
MARKUS WINTERSBERGER · Medieninstallation · Silbertabletts · Videoprojektion · Digitaldruck · Raum · 2026
Niépces Heliografie brauchte eine Belichtung von vielen Stunden — die Sonne wanderte währenddessen über den Hof und beleuchtete beide Gebäudeseiten zugleich. Die beiden folgenden Bilder entwickeln sich, sobald der Abschnitt in Sicht kommt. Klick öffnet die Großansicht.
Belichtet
Belichtet
Dieselbe Aufnahme, zweimal befundet: links in Farbe, rechts in Schwarzweiß. Kein Bild ist das Original des anderen. Schieber ziehen — mit Maus, Finger oder den Pfeiltasten.

Installationsansicht · FINE ART Galerie Traismauer 2026
Kein Element der Installation ist neutral. Jedes trägt eine eigene Zeit und eine eigene Störung in das Bild ein.
Zwei alte, patinierte Tabletts auf schwarzen Rüschenpolstern — Gebrauchsgegenstand, Spiegel und Projektionsgrund zugleich.
Flecken, Riefen und erblindete Stellen. Nicht retuschiert, sondern als Mitautor des Bildes ernst genommen.
Zwei Beamer auf Stativen, KI-transformierte Sequenzen des Niépce-Motivs. Das Bild bricht sich im Metall.
Zwei rahmenlose, einander zugewandte Drucke bilden ein analoges Spiegelpaar.
Das Kellergewölbe des „10er Haus" wird mitprojiziert — die Architektur schreibt sich in die Bildfläche ein.
Wer davor tritt, erscheint im Bild. Der Blick ist Teil des Bildes, nicht sein neutraler Empfänger.
Sieben Momente aus der Videoarbeit. Aus der angelaufenen Fläche steigt der Fensterblick auf, kippt in ein geritztes Auge und schließlich in einen Blick, der zurückschaut. Klick öffnet den Still groß.
Kontaktstreifen · 8s – 350s · Anlauf · Fensterblick · Auge · MW 2026
Mich interessiert das Bild nicht als verlässliche Oberfläche, sondern als etwas Verletzliches, Instabiles und Widerständiges.
Bilder bewahren, was bereits vergangen ist, und verändern zugleich unsere Erinnerung daran. Sie versprechen Nähe zur Wirklichkeit, bleiben aber immer auch Konstruktionen – geprägt von Technik, Material, Zeit und den Erwartungen der Betrachtenden.
In meiner Arbeit Der schmutzige Blick – Das Bild, das uns die Wahrheit versprach begegne ich Niépces früher Fotografie nicht als historischer Ikone, sondern als offener Bildspur. Das Motiv wird durch generative Bildprozesse neu interpretiert, fragmentiert und in Bewegung versetzt. Es trifft auf alte, patinierte Silbertabletts, deren Kratzer, Flecken und blinde Stellen nicht verborgen werden. Gerade diese Spuren interessieren mich: als materielle Widerstände gegen die Vorstellung eines klaren, unverfälschten Bildes.
Die Projektion bleibt nicht auf einer neutralen Fläche. Sie bricht sich im Metall, verliert ihre Eindeutigkeit und nimmt den Raum, das Licht und die anwesenden Körper in sich auf. Das Bild zeigt nicht nur etwas – es reagiert, spiegelt, verschwindet und entsteht immer wieder neu.
Ich verstehe die Installation als eine Versuchsanordnung zwischen Fotografie, Erinnerung, künstlicher Intelligenz und materieller Erfahrung. Dabei geht es mir weniger um die Frage, ob ein Bild wahr oder falsch ist. Mich beschäftigt vielmehr, wie Wahrheit durch Bilder erzeugt, beschädigt, überformt und weitergegeben wird.
Der „schmutzige Blick" ist kein defizitärer Blick. Er ist ein bewusster, erfahrener Blick: einer, der seine eigenen Bedingungen mitdenkt und akzeptiert, dass Wahrnehmung niemals rein, neutral oder abgeschlossen ist.Artist Statement · Markus Wintersberger · 2026
Der schmutzige Blick (The Dirty Gaze) — Nicéphore Niépce's 1826 photograph View from the Window at Le Gras, the oldest surviving photograph, meets two aged, patinated silver trays. Their scratches and tarnish become mirrors, projection surfaces and material memory-traces for AI-transformed sequences of the historical motif.
The installation asks not whether photography shows truth, but what remains of that promise once images age, are damaged, mirror back, and are reinvented by machines — with viewers looking back into the image themselves.
On this page the argument is made operable: a layer of tarnish — a macro of the actual tray surface — covers the header collage and can be wiped away with the pointer. But it grows back. A clean gaze cannot be produced, only worked for, and only for a moment.
MARKUS WINTERSBERGER · Medienkünstler · Medieninstallation · Fotografie · KI · Raum · 2026
Installationsansichten aus dem Gewölbe der FINE ART Galerie Traismauer. Klick öffnet die Großansicht, Pfeiltasten blättern, Escape schließt.
Studierende und Mitarbeitende sowie Netzwerk der USTP St. Pölten.