medienwerkstatt006
Der schmutzige Blick — Bildcollage aus der Installation: zwei projizierte Silbertabletts im Gewölbe, Niépces Heliografie von 1826, die Anlaufschicht des Silbers und ein zurückblickendes Auge

Von meinem Fenster aus · Ein Projekt anlässlich 200 Jahre Fotografie · FINE ART Galerie Traismauer · 2026

Der schmutzige Blick

Das Bild, das uns die Wahrheit versprach.

Vernissage
Freitag, 2. Oktober 2026, 19:00
Dauer
3. – 25. Oktober 2026
Artist Talk
Sonntag, 18. Oktober 2026, 16:00
mit Carl Aigner
Medium
Zwei Silbertabletts · Doppelprojektion
Blick & Gegenblick · Digitaldruck · Raum
Anlass
200 Jahre Fotografie
Niépce 1826 → Traismauer 2026
Sichtbarkeit 0 % — über das Bild wischen

Projekt

Ausgangspunkt der Installation ist Joseph Nicéphore Niépces Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras aus dem Jahr 1826 – die älteste erhaltene Fotografie und eines der frühesten Versprechen, Wirklichkeit technisch festhalten zu können.

Zweihundert Jahre später trifft dieses erste fotografische Fensterbild auf zwei alte, patinierte Silbertabletts. Ihre fleckigen, zerkratzten und partiell erblindeten Oberflächen werden zugleich zu Spiegeln, Projektionsflächen und materiellen Gedächtnisspuren des Bildes.

Auf schwarzen Polstern ruhend, empfangen die beiden Tabletts mittels generativer KI transformierte und neu interpretierte Bildsequenzen des historischen Niépce-Motivs – nicht dasselbe Bild zweimal, sondern Blick und Gegenblick: zwei Projektionen gleicher Länge und gleichen Tons, die gegenläufig geschnitten sind. Was auf dem einen Tablett aufsteigt, ist auf dem anderen schon zerfallen. Das Bild erscheint, verschwimmt und bricht an Kratzern, Flecken und Unebenheiten. Gleichzeitig interagieren die bearbeiteten Metallflächen mit dem Ausstellungsraum und den anwesenden Betrachter:innen.

Der Schmutz wird nicht als Störung beseitigt, sondern als aktiver Bestandteil der Bildentstehung sichtbar. Markus Wintersberger · 2026

Zwei rahmenlose, einander zugewandte Digitaldrucke bilden ein analoges Spiegelpaar. Zwischen ihnen und den projizierten Metallflächen öffnet sich ein instabiler Bildraum zwischen Dokument, Erinnerung, materieller Spur und algorithmischer Imagination.

Der schmutzige Blick fragt nicht, ob Fotografie Wahrheit zeigt. Die Installation untersucht vielmehr, was von diesem Versprechen bestehen bleibt, wenn Bilder altern, beschädigt werden, sich spiegeln, von Maschinen neu erfunden werden – und die Betrachtenden selbst in das Bild zurückblicken.

MARKUS WINTERSBERGER · Medieninstallation · Silbertabletts · Videoprojektion · Digitaldruck · Raum · 2026

Niépce 1826 · Belichtung

Stundenlanges Licht

Niépces Heliografie brauchte eine Belichtung von vielen Stunden — die Sonne wanderte währenddessen über den Hof und beleuchtete beide Gebäudeseiten zugleich. Die beiden folgenden Bilder entwickeln sich, sobald der Abschnitt in Sicht kommt. Klick öffnet die Großansicht.

Heliografie-Platte nach Niépce 1826, KI-Reinterpretation Belichtet
Nach Niépce, 1826 · KI-Reinterpretation MW
Anlaufschicht der Silberoberfläche, Makroaufnahme Belichtet
Anlaufschicht · Silberoberfläche, Detail

Doppelblick

Ein Raum, zwei Wahrheiten

Die Installation arbeitet mit zwei gegenläufigen Projektionen – Blick und Gegenblick – auf zwei Tabletts, die einander gegenüberliegen. Hier zunächst das Prinzip am Raum selbst: dieselbe Aufnahme, zweimal befundet, links in Farbe, rechts in Schwarzweiß. Kein Bild ist das Original des anderen. Schieber ziehen — mit Maus, Finger oder den Pfeiltasten. Die beiden Projektionen selbst finden Sie unter Blick & Gegenblick.

Installationsansicht Gewölbe, Schwarzweiß
Dieselbe Installationsansicht, Farbe
Farbe Schwarzweiß

Installationsansicht · FINE ART Galerie Traismauer 2026

Material & Verfahren

Sechs Schichten eines Bildes

Kein Element der Installation ist neutral. Jedes trägt eine eigene Zeit und eine eigene Störung in das Bild ein.

Silbertablett

Zwei alte, patinierte Tabletts auf schwarzen Polstern — Gebrauchsgegenstand, Spiegel und Projektionsgrund zugleich.

Anlauf & Kratzer

Flecken, Riefen und erblindete Stellen. Nicht retuschiert, sondern als Mitautor des Bildes ernst genommen.

Doppelprojektion

Zwei Beamer auf Stativen, zwei Fassungen desselben Materials: Blick und Gegenblick, gegenläufig geschnitten, im Ton synchron, als Endlosschleife. Das Bild bricht sich im Metall.

Digitaldruck

Zwei rahmenlose, einander zugewandte Drucke bilden ein analoges Spiegelpaar.

Gewölbe

Das Kellergewölbe des „10er Haus" wird mitprojiziert — die Architektur schreibt sich in die Bildfläche ein.

Betrachter:in

Wer davor tritt, erscheint im Bild. Der Blick ist Teil des Bildes, nicht sein neutraler Empfänger.

Zum Mitmachen · Apparat

Die schmutzige Platte

Drei Schichten tragen das Werk, und hier liegen sie unter Ihrer Hand: das Silber als Spiegel und Projektionsgrund, der Anlauf als Zeitspur darauf, das Licht der Projektion als flüchtiges Ereignis darüber. Der Regler Zeit lässt die Patina über Jahrzehnte wachsen.

Und dann greifen Sie ein: Kratzen Sie mit Finger oder Maus in die Fläche. Der Kratzer schluckt das Bild nicht — er bricht es. An seinen Flanken wird die Projektion abgelenkt, wie an einer Riefe im Metall, und fängt zugleich das Licht. Der Schmutz ist nicht Störung, sondern Mitautor. Polieren nimmt Zeit wieder heraus, Wischen glättet die Riefen. Was bleibt, ist eine Fläche, die niemand mehr als neutral bezeichnen würde.

Silbertablett · Anlauf 40 Jahre
Mit Finger oder Maus über die Fläche fahren — das ist der Kratzer. Der gelbe Ring zeigt die Werkzeugbreite.
Wie lange das Tablett schon anläuft. Die Patina wächst von den Rändern her und schluckt das Licht der Projektion. Wie hell der Beamer auf die Platte scheint. Bei 0 bleibt nur das blanke Metall. Wie stark die Flanken eines Kratzers das Bild ablenken. Bei 0 liegt die Projektion glatt darüber, bei 100 zerreißt sie an jeder Riefe. Wie viel vom Raum und den Betrachtenden sich im Silber zeigt. Ohne Kamera als Schemen, mit Kamera Ihr Livebild. Der Durchmesser von Kratzen, Polieren und Wischen. Der gelbe Ring auf der Fläche zeigt ihn an.

Der Anlauf wächst als Rauschfeld über die Fläche und schluckt das projizierte Licht, wo er dicht liegt. Kratzer werden als Höhenfeld geführt: Ihre Neigung lenkt die Projektion ab und wirft zugleich einen Glanz zurück — deshalb bricht das Bild genau dort, wo die Platte verletzt ist.

Projiziertes Motiv Heliografie · erzeugt

Blick & Gegenblick · Die Projektionen

Zwei Tabletts, ein Ton, zwei Zeiten

Auf den beiden Silbertabletts laufen zwei Fassungen desselben Materials: Projektion I · Von meinem Fenster aus entwickelt das Niépce-Motiv aus der angelaufenen Fläche heraus; Projektion II · Gegenblick ist eine Bruchmontage desselben Materials – Blöcke neu geordnet, gegenläufig, mit gedämpften Negativpassagen, damit der Raum dunkel bleibt. Beide teilen sich Ton und Dauer und laufen synchron als Schleife. Die Doppelprojektion zeigt sie nebeneinander, so wie sie im Gewölbe einander gegenüberliegen. Klick lädt das jeweilige Video von YouTube (nocookie).

Links · Blick3840 × 1080 · synchron · LoopRechts · Gegenblick
◆ Der schmutzige Blick · Blick und Gegenblick – Doppelprojektion · MW 2026

Projektion I · linkes TablettVon meinem Fenster aus

Die Fassung für die Ausstellung. Aus dem Anlauf steigt der Fensterblick von Le Gras auf, bricht sich im Metall, kippt in ein geritztes Auge und in einen Blick, der zurückschaut. Ereignisse haben Anlauf und Auslauf – nichts soll wie ein technischer Fehler wirken, alles wie gesetzt.

Projektion II · rechtes TablettGegenblick

Dasselbe Material, radikaler geschnitten: Bruchmontage, Blöcke neu geordnet, strikt gegenläufig zur ersten Projektion. Identischer Ton, identische Dauer. Negativpassagen sind gedämpft, damit das Gewölbe dunkel bleibt und das Silber spiegeln kann.

Ton: gemeinsam · Dauer: identisch · 1920 × 1080 je Kanal · Endlosschleife Erste Fassung (Studie) auf YouTube →

Zeitleiste · Projektion I · Was auf dem Tablett geschieht

Sieben Momente aus der Projektion. Aus der angelaufenen Fläche steigt der Fensterblick auf, kippt in ein geritztes Auge und schließlich in einen Blick, der zurückschaut. Klick öffnet den Still groß.

Kontaktstreifen · 8s – 350s · Anlauf · Fensterblick · Auge · MW 2026

Artist Statement

Mich interessiert das Bild nicht als verlässliche Oberfläche, sondern als etwas Verletzliches, Instabiles und Widerständiges.

Bilder bewahren, was bereits vergangen ist, und verändern zugleich unsere Erinnerung daran. Sie versprechen Nähe zur Wirklichkeit, bleiben aber immer auch Konstruktionen – geprägt von Technik, Material, Zeit und den Erwartungen der Betrachtenden.

In meiner Arbeit Der schmutzige Blick – Das Bild, das uns die Wahrheit versprach begegne ich Niépces früher Fotografie nicht als historischer Ikone, sondern als offener Bildspur. Das Motiv wird durch generative Bildprozesse neu interpretiert, fragmentiert und in Bewegung versetzt. Es trifft auf alte, patinierte Silbertabletts, deren Kratzer, Flecken und blinde Stellen nicht verborgen werden. Gerade diese Spuren interessieren mich: als materielle Widerstände gegen die Vorstellung eines klaren, unverfälschten Bildes.

Die Projektion bleibt nicht auf einer neutralen Fläche. Sie bricht sich im Metall, verliert ihre Eindeutigkeit und nimmt den Raum, das Licht und die anwesenden Körper in sich auf. Das Bild zeigt nicht nur etwas – es reagiert, spiegelt, verschwindet und entsteht immer wieder neu.

Ich verstehe die Installation als eine Versuchsanordnung zwischen Fotografie, Erinnerung, künstlicher Intelligenz und materieller Erfahrung. Dabei geht es mir weniger um die Frage, ob ein Bild wahr oder falsch ist. Mich beschäftigt vielmehr, wie Wahrheit durch Bilder erzeugt, beschädigt, überformt und weitergegeben wird.

Der „schmutzige Blick" ist kein defizitärer Blick. Er ist ein bewusster, erfahrener Blick: einer, der seine eigenen Bedingungen mitdenkt und akzeptiert, dass Wahrnehmung niemals rein, neutral oder abgeschlossen ist. Artist Statement · Markus Wintersberger · 2026

English

Der schmutzige Blick (The Dirty Gaze) — Nicéphore Niépce's 1826 photograph View from the Window at Le Gras, the oldest surviving photograph, meets two aged, patinated silver trays. Their scratches and tarnish become mirrors, projection surfaces and material memory-traces for AI-transformed sequences of the historical motif.

Two projections share one soundtrack and one duration but run against each other — Blick and Gegenblick, gaze and counter-gaze — on two trays facing one another. The installation asks not whether photography shows truth, but what remains of that promise once images age, are damaged, mirror back, and are reinvented by machines — with viewers looking back into the image themselves. Shown in Von meinem Fenster aus, a project marking 200 years of photography.

On this page the argument is made operable: a layer of tarnish — a macro of the actual tray surface — covers the header collage and can be wiped away with the pointer. But it grows back. A clean gaze cannot be produced, only worked for, and only for a moment.

MARKUS WINTERSBERGER · Medienkünstler · Medieninstallation · Fotografie · KI · Raum · 2026

Bilder

Installation · Raum · Blick

2026

Installationsansichten aus dem Gewölbe der FINE ART Galerie Traismauer. Klick öffnet die Großansicht, Pfeiltasten blättern, Escape schließt.

Aufbau · 24. September 2026

Das Gewölbe wird zur Kamera

24·09

Ein Tag vor der Einrichtung des Lichts: zwei Beamer auf Stativen, zwei schwarze Pölster auf dem Steinboden, die Silbertabletts empfangen zum ersten Mal die Projektion. Die Fotografien sind Arbeitsstand, nicht Ergebnis – Kabel, Provisorien, Wartezeit gehören dazu. Sie liegen unter einer Anlaufschicht: erst die Berührung belichtet sie, Klick öffnet die Großansicht.

Andeutungen · Story

Nicht zu viel preisgeben

Für die Kanäle vor der Vernissage: Ausschnitte statt Überblick, verschlüsselte Fragmente statt Dokumentation. Die Bilder tragen die Schichten der Arbeit in sich – Anlauf, Kratzer, Negativpassagen, Bruchmontage, Blick und Gegenblick – und lassen offen, was im Gewölbe tatsächlich zu sehen sein wird.

Zehn Tafeln · 9:16 · Klick öffnet groß · waagrecht scrollen

KI-Montagen · Aufbau · 26 Blätter · nur Andeutungen, Ausschnitte, Details

Ausstellung

Titel
Von meinem Fenster aus.
Ein Projekt anlässlich 200 Jahre Fotografie
Ort
FINE ART – Galerie und Kunstverein
„10er Haus", Wiener Straße 10
3133 Traismauer, NÖ
Vernissage
Freitag, 2. Oktober 2026, 19:00
Ausstellungsdauer
3. Oktober – 25. Oktober 2026
Öffnungszeiten
Sa & So nach der Vernissage, 14:00 – 18:00
(3./4. und 10./11. Oktober)
sonst nach telefonischer Vereinbarung
Tage der offenen Ateliers
Sa 17. & So 18. Oktober 2026, 14:00 – 18:00
Führung vor dem Artist Talk
Artist Talk
Sonntag, 18. Oktober 2026, 16:00
mit Carl Aigner und Künstler:innen der Ausstellung
Mein Beitrag
Der schmutzige Blick · Medieninstallation
Zwei Silbertabletts, Doppelprojektion Blick & Gegenblick, Digitaldruck
Kontakt Galerie
office@fineartgalerie.at
+43 664 3388720

Beteiligte

Von Elena Romenkova bis Agnes Wallner: Studierende und Mitarbeitende sowie Netzwerk der USTP St. Pölten. Artist Talk mit Carl Aigner.

Der schmutzige Blick · Das Bild, das uns die Wahrheit versprach · Blick & Gegenblick · 200 Jahre Fotografie · Traismauer 2026