Cosmic Comic Selfie
Cosmic Comic Selfie 2017 operiert im Zwischenraum von Selbstbild, Bildstörung und performativer Versuchsanordnung. Ausgangspunkt ist die beiläufige Geste des mobilen Fotografierens: eine Figur steht, blickt, posiert; ein Ort wird zum Hintergrund. Doch die digitale Schicht verweigert die Rolle bloßer Dekoration. Sie setzt sich an den Körper, umkreist ihn, kostümiert und verdoppelt ihn, verdeckt sein Gesicht oder ersetzt einzelne Glieder durch überdimensionierte Zeichen. Das Selfie wird von einer Technik der Selbstbestätigung in ein Labor der Selbstentgrenzung überführt.
Die Serie nimmt die populäre Grammatik früher mobiler AR-Effekte ernst, ohne ihr zu gehorchen. Emojis, Handschuhe, Tierkörper, Blüten, Wolken, Blasen und cartoonhafte Kostüme erscheinen zunächst als vertraute Elemente einer kommerziellen Bildsprache. In der seriellen Wiederholung kippen sie aus der Mitteilung in Materialität. Ein Emoji bedeutet nicht mehr nur Freude, Angst oder Müdigkeit; es bildet einen Schwarm. Ein digitaler Handschuh kommentiert keine Geste, sondern wird zur Prothese. Die Banane ist kein Witzobjekt mehr, sondern eine prekäre zweite Haut. Aus dem Vokabular der Plattform entsteht eine eigentümliche Kosmologie des Alltags.
Die fotografierte Person fungiert weder als souveränes Zentrum noch als passives Display. Sie wird zur Kontaktzone heterogener Akteure: geologischer Ort, Körperhaltung, Kleid, Licht, Software-Erkennung, grafisches Objekt und kulturelles Gedächtnis begegnen einander auf derselben Bildebene. Intersubject bezeichnet kein harmonisches Miteinander fertiger Subjekte. Gemeint ist ein Subjekt, das erst im Dazwischen – in der Kopplung von Blicken, Medien und Dingen – vorübergehend Gestalt annimmt.
In den alpinen Sequenzen öffnet sich eine produktive Maßstabsstörung. Die monumentale Landschaft, klassisch als Bühne des Erhabenen gelesen, wird von fragilen popkulturellen Auflagerungen durchkreuzt. Das Heroische schrumpft zum Sticker; zugleich gewinnt der Sticker körperliche Macht. Naturraum, Datenspur und performative Pose koexistieren als widersprüchliche Schichten eines einzigen Ereignisses.
Die Innenraum- und Pop-up-Studien verschieben diesen Vorgang in eine soziale Situation. Vor Wand, Display, Spiegel oder institutionellem Zeichen wird das digitale Kostüm zur öffentlichen Behauptung. Die Bilder fragen, wem der Körper gehört, sobald er von Interfaces gelesen und von vorgefertigten Affektformen zurückadressiert wird. Das Komische ist dabei keine Entlastung, sondern eine präzise Methode: Durch Übertreibung, falsche Proportion und groteske Anlagerung wird sichtbar, wie Plattformen Identität in konsumierbare Gesten zerlegen.
Das „Cosmic“ bezeichnet weniger den Weltraum als eine Verteilung von Handlungsmacht. Alles kann zum Mitspieler werden; jede Oberfläche kann antworten. Das „Comic“ hält diese Ontologie beweglich, leicht und instabil. Das „Selfie“ bleibt als beschädigte Ausgangsform erhalten: nicht mehr Porträt eines autonomen Ichs, sondern momentane Aufnahme einer Versammlung, die sich im nächsten Bild bereits anders zusammensetzt.
Genre — Technik Zuordnung
Die Aussage entsteht aus dem Wechselspiel von performativer Fotografie, mobiler Augmented Reality, digitaler Collage und serieller künstlerischer Forschung.
Mobile AR-Effekte, kamerabasierte Überlagerung, Sticker und Partikelsysteme
Realer Ort und grafische Fremdkörper werden zu einer gemeinsamen widersprüchlichen Bildebene verschaltet.
Erweiterter Realitätsraum, Mensch–Software–Objekt-Kopplung, situative Bildhandlung
Subjektivität erscheint als Relation: Körper, Blick, Interface, Landschaft und Zeichen erzeugen einander wechselseitig.
Pose, Selbstinszenierung, mobile Kamera und serielle Variation
Der Körper dient zugleich als Motiv, Träger, Widerstand und Maßstab der digitalen Anlagerung.
Emoji-Vokabular, Cartoon-Prothesen, Meme-Ästhetik und Affektzeichen
Vorgefertigte Online-Gesten werden aus ihrem Kommunikationsnutzen gelöst und als kulturelles Rohmaterial untersucht.
Maskierung, Überblendung, Skalierung, ornamentale Verdichtung und synthetisches Kostüm
Kleidung, Haut, Accessoire, Schwarm und Umgebung tauschen ihre Rollen; die Körpergrenze wird porös.
Wiederholung, motivische Gruppen, vergleichende Sequenzen und Pop-up-Versuchsanordnung
Erkenntnis entsteht in Differenzen: Was bleibt vom Körper, wenn pro Bild nur eine Variable wechselt?
XR Intersubject Machine
Drei Archivkörper, zwölf Bildschnitte, ein vorläufiges Subjekt. Jede Mutation besitzt einen reproduzierbaren Cosmic Code – derselbe Link erzeugt dieselbe Figur.
Wer bist du zwischen den Bildern?
Die Maschine montiert Schichten aus allen sechs Motivfamilien. Sie behauptet keine neue Identität, sondern produziert eine zeitweilige Allianz zwischen Körper, Affekt und Umgebung.
Sechs Bildkapitel
72 Motive – geordnet nach räumlicher Versuchsanordnung, Körperlogik und digitaler Affektform. Jedes Bild lässt sich groß öffnen, direkt verlinken und teilen.
